Der Baum stützt sich auf seinen Wurzeln, der Mensch auf sein Herz.
  Der Baum stützt sich auf seinen Wurzeln, der Mensch auf sein Herz.                                                

Von A wie Arbeitsunfall bis Z wie Zeckenbiss

Norbert Ott, Foto: PRO CLIENTA Unfallhilfe GmbH

Unfallhilfe – vom Betroffenen zum Helfer in der Not 

 

SonJA on Tour! im Gespräch mit Norbert Ott, Konzeptentwickler, Mitbegründer und Geschäftsführer der PRO CLIENTA Unfallhilfe GmbH, über das neue Unfallhilfe- und Begutachtungszentrum in Bad Vilbel und die Auswirkung von Unfällen für die Betroffenen sowie die Solidargemeinschaft.  

 

Wer kennt die Situation nicht? Jemand  passt die sprichwörtliche Sekunde nicht auf und schon ist es passiert. Viele denken bei einem Unfall hauptsächlich an einen Verkehrsunfall, dabei passieren weitaus mehr Unfälle im Haushalt, beim Sport, bei der Arbeit oder auf dem Schulweg, um nur einige zu nennen. Sogar der Zeckenbiss ist nach der Definition ein Unfall. 

 

Herr Ott, seit wann gibt es die  PRO CLIENTA Unfallhilfe und wie kam es zur Gründung?  

„Ich befasse mich beruflich seit 33 Jahren mit Unfällen und hatte selbst vor vielen Jahren einen sehr schweren Unfall. Im Krankenhaus und in der REHA wurde ich aufgrund meines Vorwissens immer wieder von anderen Betroffenen um Rat gefragt, wie man sich als Opfer eines Unfalls richtig verhält und was alles zu beachten sei. Fast jeder, unabhängig vom Bildungsstand, weiß als Betroffener nicht bzw. nicht genau, was er alles veranlassen muss und wo die „Fallstricke“ sich verstecken. In dieser Situation erkannte ich den unglaublich großen Beratungsbedarf und die Not der Menschen, die ein solches Schicksal erleiden. So entstand die Idee zur Gründung der PRO CLIENTA Unfallhilfe, die von meiner Frau und mir als gleichberechtigte Partner  mit Aufgabenteilung vor 20 Jahren gegründet wurde.“  

 

Wie kamen Sie auf die Idee?

„Aus der jahrzehntelangen Erfahrung wissen wir, dass die Betroffenen oft  von "Pontius bis Pilatus" laufen um Spezialisten zu finden, die Ihnen bei ihrer speziellen Situation helfen können. Im Unfallhilfe- und Begutachtungszentrum finden die Betroffenen eines Unfalls alle wichtigen Spezialisten:  Ärzte, Therapeuten, Anwälte, Sachverständige u.v.m. - und das unter einem Dach. Das Ganze ist behindertengerecht und barrierefrei. Außerdem brauchten wir durch den großen Zuwachs an Anfragen und den geplanten bundesweiten Ausbau weitere Arbeitsplätze, die wir jetzt auch im Neubau realisieren konnten.“ 

 

Worauf führen Sie die Unkenntnis der Betroffenen zurück und wie ist ein typischer Verlauf?  

„Naja, einerseits hat jeder Mensch glücklicherweise „nur“ 1,7 aktenkundige Unfälle in seinem Leben, daher fehlt naturgemäß die Routine und die Kenntnis über die beste bzw. sinnvollste Vorgehensweise. Andererseits gibt es unzählige Unfallarten vom Arbeitsunfall über den Freizeitunfall oder Verkehrsunfall bis hin zum Zeckenbiss. Wer befasst sich schon präventiv damit, wie man sich bei einem Unfall verhält. Die Unfälle treffen die Betroffenen also fast immer unvorbereitet.“     

 

Sie bieten also Hilfe von A wie Arbeitsunfall bis Z wie Zeckenbiss an?  

„Genau! Oftmals, zumindest bei weniger spektakulären Unfällen, ist dem Betroffenen zunächst gar nicht klar, was im Laufe der Zeit noch auf ihn zukommen kann. Vieles geschieht aus Unkenntnis. Wer denkt nach einem Unfall schon daran, dass er beispielsweise als Gewerkschaftsmitglied oder Mitglied eines Vereins möglicherweise über einen Gruppenunfallversicherungsvertrag geschützt ist.“ 

 

Das Spektrum Ihrer Dienstleistung ist sehr groß. Wie verhält es sich denn mit den Kosten für Ihre Klienten? Mit welchen Kosten muss man rechnen – viele Menschen haben hier Angst ein „Fass ohne Boden aufzumachen“?  

„Sehr gute Frage! Und auch einer der meist gestellten. Aber hier kann ich Sie glücklicherweise beruhigen: Für unverschuldet Verunfallte ist unsere Hilfe aufgrund der Gesetzeslage kostenfrei. Die Ersteinschätzung ist in jedem Fall kostenfrei- der Betroffene eines Unfalls geht also nie ein Risiko ein.“ 

 

Wie läuft die Hilfe praktisch ab?  

„Unsere zertifizierten Unfallsachverständigen schauen sich nach dem Erstkontakt zum Betroffenen zunächst genau jeden Unfall an und legen sie unseren Vertrauensanwälten vor, diese nehmen eine Ersteinschätzung vor. Danach werden dem Betroffenen die erforderlichen Maßnahmen erläutert und, falls gewünscht, Kontakt zu spezialisierten Profis wie Ärzte, Therapeuten, Anwälte, Sachverständige hergestellt.“  

 

Wie sieht es bei sehr schweren Unfällen mit Personenschäden aus, in denen es oft auf kurzfristige Entscheidungen ankommt?  

„Wir haben einen permanenten Krisenstab, der Dank der modernen Kommunikationsmöglichkeiten sofort zusammentreten kann und beispielsweise, wie kürzlich geschehen, die rechtliche Situation eines Komapatienten mit dem zuständigen Amtsgericht klären kann. Es sind  rund um die Uhr Vertrauensanwälte ansprechbar, die alle rechtlichen Punkte auf Wunsch klären.“ 

 

Wie häufig kommt das vor?  

„Gott sei Dank nicht so oft - aber dann können wir sofort reagieren. Die Masse der Unfälle sind nach kurzer Zeit professionell abgearbeitet und irgendwann für den Betroffenen verarbeitet. Wir betreuen aber auch Unfallgeschädigte seit der Firmengründung, also seit fast 20 Jahren, wenn immer mal wieder ein Schreiben zum Beispiel an das Versorgungsamt oder ähnliches zu verfassen ist.“  

 

Was ist Ihr Antrieb?    

„Betroffene eines Unfalls brauchen dringend kompetente Hilfe; sie müssen wissen, wo sie diese fachübergreifend und im vollen Umfang bekommen. Dies  kann mitunter die Existenz sichern, die bei schwereren Unfällen oftmals bedroht ist. Das Delta zwischen Recht haben und Recht bekommen muss weg. Oftmals helfen schon kleine Tipps. Außerdem darf es keine Hürden geben - wir kommunizieren barrierefrei und in verständlicher Sprache. Amtsdeutsch oder Fachchinesisch haben wir für unsere Kunden aus der Kommunikation verbannt.  Es gibt da aber auch noch eine Sache, die unseren Mitarbeitern und mir Kraft gibt, jeden Tag auf der Arbeit alles zu geben: Der Natur der Sache gemäß haben wir es nicht selten mit schlimmen Vorfällen zu tun. Wenn Sie aber abends nach Hause zu Ihrer Familie fahren und im letzten Gespräch des Tages bedankt sich ein Verunfallter oder seine Angehörigen herzlich für unseren Einsatz, der geholfen hat die schlimme Situation zu meistern oder zumindest erträglich zu machen, dann tut das verdammt gut.“ 

 

Herr Ott, Sie sprechen immer wieder von den Auswirkungen von Berufs-, Dienst- und Erwerbsunfähigkeit für die Städte, Kreis, Land und den Bund sowie die Sozialsysteme. Was meinen Sie damit? „Ich kann es an dieser Stelle nur andeutungsweise beleuchten, nur so viel: wenn jemand infolge eines Unfalls oder einer schweren Krankheit nicht mehr arbeiten kann, entfällt langfristig die Lohnsteuer, eine der wichtigsten Einnahmen der Städte. Andererseits werden oftmals Sozialleistungen zur Grundsicherung gezahlt. Krankenkassen werden durch die Zahlung von Krankengeld; die gesetzliche Rentenversicherung zahlt in vielen Fällen eine Erwerbsminderungsrente.“  

 

Herr Ott, ich finden dies ist ein perfekter Moment um mich für das heutige Interview zu bedanken. Die letzten Sätze haben einiges über die Aufgaben Ihres Hauses gezeigt und mich hinter die Kulissen blicken lassen. Herzlichen Dank, ich freue mich auf unsere nächste Begegnung. 

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